Ingenieurmethoden

Kennzahlen zur Beurteilung der Räumungssituation

Schutzzielorientiert argumentieren zu können bedeutet vor allem auch, sich in das zu beurteilende Objekt hineinversetzen zu können. Um das Schutzziel der Personenrettung realisieren zu können, benötigt der der Brandschutz Fachplaner eine exakte Vorstellung davon, wie die Menschen im Gebäude auf die möglichen Brandszenarien reagieren werden. Basierend auf seinen Vorstellungen des Verhaltens der Menschen wird er nun die Brandschutzmaßnahmen definieren.

Nachdem dann Brandschutzmaßnahmen basierend auf der Vorstellung des Fachplaners über die Selbstrettungsfähigkeiten der Nutzer definiert werden, könnte man hier auch getrost und etwas pointiert sagen, die Brandschutzmaßnahmen werden basierend auf einem Bauchgefühl festgelegt.

Das Ziel des Autors ist es, dieses Bauchgefühl durch ingenieurmäßige Kennzahlen zu ersetzen. Die Kennzahlen sollen die subjektive Einschätzung notwendiger Brandschutzmaßnahmen durch ein ingenieurmäßiges und belastbares Verfahren zu ersetzen. Die Gradierung (Art und Umfang) von Brandschutzmaßnahmen sollte basierend auf belastbaren Kennzahlen möglich sein, um damit eine Nutzergruppen bezogene individuelle Abstimmung von Brandschutzmaßnahmen vorzunehmen.

Die Ermittlung der Kennzahlen erfolgt in drei Schritten:

Nutzereinstufung

Im Zuge der Entwicklung des Verfahrens wurde vom Autor eine Matrix zur brandschutztechnischen Einstufung von Nutzern bezüglich der Fähigkeit zur Selbstrettung für die horizontale Flucht entwickelt. Der erste Schritt besteht in der Durchführung einer Nutzereinstufung, deren Ergebnis die Anzahl der Personen je H-Einstufung ergibt.

Die Einstufung wird für jede Person mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung, die im Brandfall entscheidend sein kann, durchgeführt. Man kann dabei eine repräsentative Gruppe oder alle Nutzer der Einrichtung analysieren.

Ziel der Einstufung ist nicht die exakte und detaillierte Beurteilung der vorliegenden Beeinträchtigungen! Es gilt die für einen Brandfall entscheidenden Kriterien zu beurteilen und dann eine H-Einstufungsgruppe zuzuordnen.

Anrechenbare Helfer

Basis zur Herleitung dieses Verfahrens ist eine Argumentationskette zum Nachweis der Einhaltung des Schutzziels der Personenrettung:

Die Einhaltung des Schutzziels der Personenrettung wird über den Nachweis der Einhaltung der Rettungsfrist möglich.

Es wird behauptet, dass die Einhaltung der Rettungsfrist durch eine gute Räumungssituation ermöglicht wird. Unter Räumungssituation soll in diesem Zusammenhang die Fähigkeit der Nutzer zur Selbstrettung (auch in Verbindung mit einem ständig verfügbaren Helfer) verstanden werden. Die beste Räumungssituation ist dementsprechend zu erwarten, wenn alle Nutzer uneingeschränkt zur Selbstrettung fähig sind.

Nun wird die Behauptung aufgestellt, dass ein Zusammenhang zwischen der Räumungssituation und der Betreuungssituation besteht. Eine gute Betreuungssituation kann Beeinträchtigungen behinderter Nutzer ausgleichen und dadurch eine positive Räumungssituation schaffen.

Im 2.Schritt gilt es nun, die für die in der Nutzereinstufung beurteilte Gruppe ständig und immer verfügbaren Helfer festzulegen. Dabei können durchaus auch Nutzer als Helfer angesetzt werden, sofern nachweisbar ist, dass diese im Brandfall anderen Nutzern helfen können. (organisatorische Maßnahmen in der Brandschutzordnung festlegen!)

Berechnung

Aus dem Verhältnis der Anzahl der vorhandenen Helfer (H) zu Anzahl der benötigten Betreuer (B) aus der Nutzereinstufung lässt sich die erste Kennzahl zur ingenieurmäßigen Beurteilung einer Räumungssituation definieren: die Helferquote (HQ) gibt das Verhältnis der vorhandenen Helfer zu den benötigten Helfern an und bildet damit die Betreuungssituation ab.

Aus Evakuierungsversuchen kann ein Schwellenwert von HQ = 0,9 für eine gute Betreuungssituation abgeleitet werden. Diese Kennzahl ersetzt erstmals die oben als Bauchgefühl bezeichnete subjektive Einschätzung einer Räumungssituation durch einen ingenieurmäßig hergeleiteten, numerischen Wert.

HQ > 0,9 läßt darauf schließen, dass die (horizontale) Räumung des betroffenen Abschnittes in einem Zug durchgeführt werden kann. Mit abnehmendem HQ wird dies immer unmöglicher. Die Räumung muss in mehreren Wiederholungen umgesetzt werden. Helfer müssen nach der Rettung eines Nutzers zurück in den betroffenen Bereich und dort einen weiteren Behinderten abholen. Dies entspricht dem baurechtlich legitimierten Verschiebekonzept.

Zur Beurteilung von Verschiebekonzepten bezüglich der Räumungssituation muss eine weitere Kennzahl eingeführt werden:

Der Räumungsschlüssel (RS) bildet die Betreuungssituation für Fälle mit Wiederholungen im Rahmen der Evakuierung ab. Im Gegensatz zu Helferquote lassen sich aus der Berechnung dieses Wertes keine direkten Annahmen ableiten. Die Zahl steht vorerst bezugslos im Raum und muss über die Relativierung (die in Bezug Setzung) zu geregelten Nutzungsarten mit Aussagekraft erfüllt werden.

Berechnet man die Räumungsschlüssel für einige dieser geregelten Nutzungsarten so gelangt man zum Ergebnis, dass ein Räumungsschlüssel von 0,7 den Mittelwert darstellt. Damit kann die Aussage getroffen werden, dass mit einem Räumungsschlüssel von 0,7 eine Betreuungssituation erreicht wird, die baurechtlich über verschiedene Sonderbauvorschriften legitimiert ist.

Analyse

Mit der Möglichkeit, über die Helferquote und den Räumungsschlüssel die Betreuungssituation in Einrichtungen mit behinderten Nutzern numerisch einschätzen zu können kann das Bauchgefühl des Brandschützers durch ingenieurmäßig berechnete Kennzahlen ergänzt werden. Über die Zahlen lassen sich Art und Umfang von Brandschutzmaßnahmen nutzergruppen-bezogen individuell abstimmen.

Die Nutzereinstufung lässt Rückschlüsse auf die Mobilitätseinschränkung zu, verdeutlicht die Möglichkeiten zur Nutzung vertikaler Rettungswege und ermöglicht die Ermittlung der notwendigen Betreuer für die Nutzergruppe.

Eine Helferquote ab 0,9 lässt die Aussage über sehr gute Evakuierungsverhältnisse zu, ermöglicht den Nachweis, dass die Räumung innerhalb der Hilfsfrist mit Sicherheit möglich ist und keine Fremdretter benötigt werden.

Ein Räumungsschlüssel ab 0,7 weist nach, dass die Vergleichbarkeit mit geregelten Sonderbauten besteht und damit von einer erfolgreichen Verschiebung innerhalb der Hilfsfrist ausgegangen werden kann. Fremdretter sind wahrscheinlich nur für die Evakuierung notwendig.

Die Ergebnisse der kennzahlenorientierten Brandschutzanalyse ermöglichen Aussagen zu den Themen Personenstrom, Räumungssituation, Möglichkeit der Nutzung vertikaler Rettungswege, Helfersituation und Organisation. Über die richtige Interpretation der Kennzahlen kann der Brandschutzplaner ein klares Bild darüber entwickeln, wie sich die Situation im Brandfall darstellen könnte:

Wird sich eine eher ruhige Entfluchtung mit Zeit auch zur Versorgung von Panikpatienten darstellen oder sind die Helfer im Prinzip chancenlos und sind gezwungen in Sekunden lebenswichtige Entscheidungen zu treffen.

Wird sich ein einseitig gerichteter Personenstrom, ohne Störung durch entgegenkommende Personen entwickeln oder haben wir mit einem ungerichteten Personenstrom mit Panikkomponenten zu rechnen.

Wird eine Nutzung vertikaler Rettungswege möglich, da nach der schnellen Verschiebung noch Zeitreserven vorhanden sind, um Nutzer durch die vorhandenen Helfer ins Freie zu begleiten oder scheidet die Nutzung der vertikalen Rettungswege komplett aus.

Neben diesen eher grundsätzlichen Aussagen zur Räumungssituation lassen sich aus den Kennzahlen und der Brandgefahrenanalyse auch konkrete Maßnahmen für den vorbeugenden Brandschutz ableiten. Themen wie Evakuierungskonzept, Sonderbereiche, Bauteile, Rettungswege, Treppenräume und Flure können basierend auf den Ergebnissen der Nutzeranalyse und der Berechnungen der Kennzahlen ingenieursmäßig begründet behandelt werden. Die Brandschutzmaßnahmen müssen nicht mehr aus dem Bauch heraus, sondern können über den Rückgriff auf ingenieurmäßig hergeleitete Kennzahlen definiert werden.

Die oben gezeigte Darstellung stellt eine stark verkürzte Einführung in die Kennzahlen unterstützte Brandschutzanalyse dar. Im Fachbuch „Barrierefreier Brandschutz“ (Feuertrutz & MüllerVerlag, 2015) kann die Herleitung und die Gesamtmethodik detailliert nachvollzogen werden.

Hier werden auch die sich aus den Kennzahlen ergebenden Empfehlungen für Brandschutzmaßnahmen bei bestimmten Evakuierungskonzepten und Nutzungsarten von Objekten im Detail vorgestellt.

Zur automatischen Berechnung der Kennzahlen finden Sie hier ein Excel-Formular zum Download:  Berechnungsformular